„Das Ende der Mitte“
Das Kritikerlob von allen Seiten ist Rich Dawsons epischen Songalben gewiss, auch wenn er, ausserhalb seiner kleinen Hörerschar, als immer noch ziemlich gut gehütetes Geheimnis gelten darf. Sowas von abseits des Mainstreams. Das neue Opus widmet sich den „ordinary people“, mit einer doppelbödigen Raffinesse, die ihm gebührenden Platz einräumt neben Ray Davies‘s durch Raum und Zeit taumelnden Konzeptalben.
Ist „The End Of The Middle“ nicht doch etwas sehr zurückgenommen, das flüchtige Hören mag ins Stirnrunzeln geraten. Jedoch. Du meine Güte. Ein Drummer, staubtrocken, aber mit einem gewissen, schwer zu fassenden Etwas. Dann Rich himself: er sorgt für Gitarre, Stimme, „bits and bobs“. Ein Klarinettist als „wild card“ – und sein Beitrag? „Bolts of lightning“! Und die herrlichen Kurzgeschichten, verkleidet als „lyrics“, mit gleichzeitg hohem Ausschlag auf den Skalen „sozialer Realismus“ und „strange, strange world“!
Man höre sich das in Ruhe an, und staune über all das Leben, welches diese karge Instrumentierung und die wundersam schlingernde, grummelnde, schmelzende Stimme verströmen. Statt nun zu einer detailfreudigen Lyrik-Interpretation überzugehen, habe ich eine viel bessere Idee, den Leser diese Zeilen in den Abend zu begleiten.
Besorge dir Alan Silitoes „The Loneliness of The Long-Distance Runner“ (ist die deutsche Übersetzung nicht einst als dtv-Taschenbuch rausgekommen?), und versinke in die Erzählung des Schriftstellers, so wird eine verblüffende Brücke geschlagen ins alte England – willkommen in „End Of The Middle“! Wie mich diese Gesänge von Rich ergreifen, die immer im richtigen Moment Melodie, „hooks“ und Erschütterung liefern! Ich wette hundert Pfund, dass Robert Wyatt daheim einen Mate-Tee anrichtet, das 15. Kapitel von „Rayuela“ zuende liest, Alfie ihm etwas hochruft aus dem Erdgeschoss, und beide, während es dunkel wird, noch einmal Seite 2 laufen lassen und lauschen und lauschen, mit „More Than Real“ als wundervollem Finale in „Multi-Color“. Das zehntschönste Album des Jahres! Mindestens. (Michael Engelbrecht)