Jenseits der Sprache und jenseits von Newtons Koordinaten

In der Kurzbiographie auf dem Klappentext wird er als einer der bekanntesten unbekannten Kultautoren aller Zeiten bezeichnet: Carlos Castaneda. Der Name ist mir in Büchern von Jürgen Ploog begegnet. In „Facts of Fiction“, einer prägnanten Sammlung von Essays zu Literatur, skizziert Ploog Castaneda als jemanden, der gegen die Wurzel der Grausamkeiten der Zivilisation antritt: gegen Mechanismen, die die innere Entwicklung ignorieren. Beim Hineinlesen in Bücher von Castaneda hatte ich bislang keinen Zugang gefunden; nun fand ich die Information, dass man die Bücher in einer bestimmten Reihenfolge lesen muss und ich nahm mir das Buch vor, das in dieser Liste als erstes genannt wird: „Das Wirken der Unendlichkeit“. Auf dem Cover schreitet ein Mann mit einem schmal geschnittenem bronzefarbenem Plastik-Overall über eine Ebene aus festem Lehm. Miniaturberge lassen den Mann übergroß wirken. Der Himmel ist von einem irrealen Blau und um den Kopf des Mannes befindet sich eine grell erleuchtete Kugel, ein Strahlen nach innen. Das Bild verdeutlicht, dass uns eine Welt jenseits des bekannten Zugangs erwartet. Zu Beginn des Buches ist Carlos Castaneda ein ehrgeiziger Student der Anthropologie, der sich für seine Doktorarbeit auf Indianer Mexikos spezialisieren will und dafür eine Feldforschung plant, von der ihm jedoch alle, die er nach ihrer Meinung fragt, dringend abraten. Auf einem staubigen Busbahnhof in Arizona trifft Castaneda auf Don Juan, einen unscheinbaren, schäbig angezogenen Mann. Don Juan ist ein mexikanischer Schamane, der sich dazu entschieden hat, Castaneda in die Kunst des Schamanentums einzuweihen, weil er in ihm seinen Nachfolger sieht. Das Buch besteht aus Begegnungen und Gesprächen der beiden Männer und aus Erzählungen Castanedas. Don Juan stellt Castaneda Aufgaben für seine spirituelle Entwicklung und Castaneda erweitert seinen Blick und seine Erkenntnis der Welt: jenseits der Syntax unserer Sprache, jenseits des Sichtbaren und jenseits unserer Vorstellungen von Raum und Zeit hin ins Unendliche, ins dunkle Meer des Bewusstseins und bis zum anorganischen Bewusstsein; er reflektiert sein Leben unter verschiedenen Aspekten, wozu die wichtigen Begegnungen gehören oder die Menschen, bei denen er sich für etwas Entscheidendes noch nicht bedankt hat. Geschichten aus Castanedas Leben ziehen sich durch das Buch, besonders ergreifend darunter die Geschichten aus der Kindheit. Castaneda erfährt, welche Arten von Bewusstsein es gibt, er erfährt von der Existenz von Doppelgängern, der Wahrnehmung von Energie, leuchtenden Fasern, flüchtigen Schatten, Montagepunkten und davon, wie Raubwesen uns gefangen nehmen und was wir dem entgegenstellen können. „Das Wirken der Unendlichkeit“ ist anschaulich und lebendig geschrieben; es scheint mir für den Einstieg in die Welt des Carlos Castaneda hervorragend geeignet. Nicht alle, aber einige Aufgaben, die Don Juan seinem Schüler stellt, eignen sich auch für Personen, die nicht Schamanen, Zauberer oder Magier werden wollen; sie stammen zum Teil aus dem Pool von Kreativitätstechniken und einige Sichtweisen sind mit dem Denken des Yoga verwandt. Das Buch endet mit einer unerwarteten Begegnung und einer schönen Definition von Freundschaft: Ein Freund ist jemand, der durch die Maske hindurchsieht, die man trägt, und der weiß, woher man kommt.

9 Kommentare

  • flowworker

    Endlich mal eine freudige Einladung zu einem anscheinend sehr lesenswerten Werk, ohne gleich mit der üblichen, sattsam bekannten Castaneda Kontroversen konfrontiert zu werde. Die öfter Teil der eigenen Abwehr sind, als kundige intellektuelle Abrechnung getarnt.

    Mein schönes Castaneda Leseerlebnis war Die Reise nach Ixtlan, wo es auch um luzide Träume geht. Dort heisst es, glaube ich, DAS TRÄUMEN. Ich fühlte mich auch zuweilen an die unfassbar aufregnden Serienträume meiner Kinddheit erinnert, und bedauerte damals, dass ich keinen Teacher an meiner Seite hatte, der mich behutsam in die Welt von Meskalin eingeführt hätte. Das war tatsächlich wieder mal das verflixte Jahr 1982, das auch morgen Abend in der Tibbetts-Sendung auftaucht.

    Und noch mal die Bitte um Verständnis deinerseits, dass ich, wie gestern angekündigt, „meinen Tibbetts“ auf den morgigen Tag transportiere. Ich werde aber gerne deine Besprechung zur Prosa Kolumne Februar machen, es müssen ja nicht immer neue Bücher sein. Hauptsache dass es noch erwerbbar ist, und wenn antiquatisch.

    Deine Ploog Vorsstellung war schon in der Seitenkolumne. Soll ich beide Buchbesprechungen zusammen hernehmen?

    m.e.

  • Martina Weber

    Wie schön, dass du auch etwas von Castaneda gelesen hast! Von den Castaneda-Kontroversen habe ich nichts mitbekommen. Das war wohl eher in den 70ern oder 80ern, als Castaneda Kult war. Wahrscheinlich gab es eine allgemeine Kritik an Castaneda, wie esoterisch das alles sei, richtig?

    Ich brauche noch eine Weile, bis ich „Das Wirken der Unendlichkeit“ verarbeitet habe. Einige Aufgaben, die Don Juan Castaneda gestellt hat, kenne ich aus Julia Camerons grandiosem Buch „Der Weg des Künstlers“. Das nächste Buch in der empfohlenen Reihenfolge (man findet diese Reihenfolge bei jedem Castanedatitel auf amazon) ist „Die andere Realität. Die Lehren des Don Juan.“ Das sind auf die erste Hälfte der 60er datierte Eintragungen; soweit ich das mit ein paar Blicken erfasse, geht es um die Einführung in psychodelische pflanzliche Drogen.

    Über Jürgen Ploogs Werk „Facts of Fiction“ (eher eine Broschüre als ein Buch) habe ich nichts geschrieben. Das verwechselst du vielleicht mit dem Reader „Ploog. West End“, der im Frühjahr 2025 in der Edition W erschien und in dem ich mit einem Text vertreten bin.

    Meinen Text „Jenseits der Sprache und jenseits von Newtons Koordinaten“ kannst du gern in die Seitenkolumne für Februar aufnehmen. Ich möchte aber, dass der Text ganz normal auf dem Blog bleibt.

    Klar kannst du deinen Tibbetts-Eintrag an die erste Stelle setzen.

  • Michael

    Natürlich bleibt der im Blog Diary. Bernt Friedman hört morgen auch live zu in Portugal. Der ist ja auch ein Spezialist für zyklische Strukturen.

    Deinen Kopien von Steves Tagebüchern aus den 1990er Jahren verdankt die Stunde morgen eine sehr feine Wendung.

    Ich habe Sirāt im privaten Kreis zu einem meiner Lieblingsfilme des 21 Jahrhunderts erklärt. Die Meinungen hier gingen soweit auseinander wie damals bei Peter H😂

  • Jan Reetze

    Castaneda war in der Tat ein Autor der 1980er Jahre. Er war damals keineswegs unbekannt, den kannten im Gegenteil viele. Der erste Band hieß, glaube ich, schlicht „Die Lehren des Don Juan“. Die vier Bände, die ich kenne, liegen heute in einem Karton im Keller; es ist, ähnlich wie Hesse, eine Art von Literatur, die man in einem bestimmten Alter liest und später besser kein zweites Mal. Vielleicht gehen die Bände durch die Generationen, wer weiß.

    Umstritten war Castaneda damals eigentlich nicht, er war ja durchaus unterhaltsam. Es war nur relativ klar, dass er sich im Studium recht umfangreich über die Thematik informiert hatte, die Geschichten als solche aber erfunden waren. Sein Dreh bestand dann darin, sie als eine Art wissenschaftlichen Forschungsbericht auszuformulieren. In den späteren Bänden wurden die Geschichten dann allerdings zunehmend unglaubwürdig. Irgendwo springt er sogar in einen Abgrund, was er wohl kaum in der Realität hätte überleben können.

  • Lajla

    Danke Martina für die sehr gute Buchbesprechung. Ich habe nichts von Castaneda gelesen. . Mein Ex hat mit ihm in L A Anthropologie studiert. Er erzählte mir einmal, dass Castaneda ihm gesagt hätte, dass seine Uhr zersprungen sei, weil die Zeit Druck gemacht hätte.

  • Michael

    Das stimmt natürlich, dass er sehr schnell sehr populär wurde. Heute würde ich die Bücher nicht mehr lesen wollen, aber damals waren sie eben nicht nur Stoff Pulzfreunde und Esakpisten, sie öffneten auch einen unebkannten Blick auf „andere Realitäten“.

    Mittlerweile gibt es auch gute Zusatzausbildungen in den USA, um Psychotherapeuten die Ressourcen psychedelischer Drogen nutzen zu lassen. Ich schrieb vor Jahren auf dem Mana Blog über meine Lektüre des Michael Poland Buches. Natürlich hatte ich selber grosses Interesse an LSD, aber schon beim micordosing scheiterte ich, weil ich die erlaubten (!) LSD Derivate einfach nicht vertrage.

    Übrigens erzeugt LSD keine körperliche Abhängigkeit wie anderes gefährkiches Zeug. Man lese dazu die Suchtfiebel meines ehemaligen Chefs Ralf Schneider an der Fachklinik Furth i.W. Wenn man es aber prinzipiell so „einschmeisst“ wie Klaus Dinger damals, dann ist das auxh massiv ungesund. Zumal ein reflektierter Umgang mit LSD, magic nushrooms und anderen Psychedelica eine gutes Set und Setting unbedingt erfordert. Weil jede dieser Erfahrungen auch ungut verlaufen kann und dann aufgefangen werden muss.

    Zum Schmunzeln ist das Ende von Jans Kommentar. Vielleicht war der Sprung in den Abgrund ja Teil seines TRÄUMENS:) – auf jeden Fall erinnert dieser Sprung an das Ende des Lebens von Sherlock Holmes bei einem anderen legedären Sturz. Die Leser waren so empört, dass Arthur Conan Doyle ihn auferstehen lassen „musste“. Und noch heute glaube Leute, dass er immer noch in der Baker Street wohnt, die müssen dann wirklich das falsche Zeug genommen haben.

    Was bewusstseinsverändernde Erfahrungen angeht, kann man sich auch high without drugs von Musik an andere Orte transportieren lassen. Und von grosser Literatur. Steve Tibbetts erzählt Donnerstag Abend von einer besonderen tantrischen Zeremonie. Wenn es so ein Ganachakra mal hierzulande gibt, werde ich mich gerne anmelden.

    Unvergessen, vor ein paar Jahren, meine Teilnahme im Sauerland an einem Wochenende mit einem Schamanen. Leider, nucht seine Schuld, kam ich da einmal und sehr unfreiwillig in Kontakt mit „schwarzer Magie“: das hört sich blöd an, aber wer die Story kennt, wird mir leicht Glauben schenken.

  • Martina Weber

    Oh, da kommen ja einige Erinnerungen bei euch hoch. Mit dem Sprung in den Abgrund, von dem Jan schreibt, endet das vorletzte Kapitel von „Das Wirken der Unendlichkeit“. Ein paar Zeilen davor erzählt Castaneda, wie er beobachtet, dass sich Don Juan und seine Gefährten, jeder von ihnen, in einen leuchtenden Tropfen verwandelt. Das kann man nicht anders ale metaphorisch oder auch, wie Michael schreibt, auf einer Traumebene lesen. In dem Buch, über das ich geschrieben habe, kommen keine expliziten Drogeneinnahmen als Teil des schamanistischen Weges vor. Ich bin erstaunt darüber, dass die Gedankenwelt des Castaneda als Zeitgeistdenken der 80er eingeordnet und damit abgetan und in eine Schublade gesteckt und wegsortiert wird. Ja, es gibt einen Zeitgeist und heutzutage herrscht eher das angeblich so rationale wissenschaftliche Denken vor. Dennoch finde ich, wie auch bereits in meiner Besprechung geschrieben, in diesem Werk von Castaneda Gedanken, Überlegungen und Übungen, die nicht nur kreativitätsfördernd sind, sondern auch auf einer allgemein menschlichen Ebene wertvoll, beispielsweise das Nachdenken über prägende Personen und Ereignisse im Leben oder die Überlegung, wie man mit den von Castaneda genannten Räubern umgeht. Das ist ein zeitloses allgemeines Gedankengut. Castaneda greift auch den Gedanken von C.G. Jung auf, wenn er von zwei Bewusstseinen spricht (individuelles und kollektives Bewusstsein). Ich bin der Meinung, dass Vieles im Leben auf einer feinstofflichen Ebene stattfindet, so wie ich auch der Überzeugung bin, dass Yogaübungen eine spirituelle und psychische Wirkung haben. In dem Buch „Medical Food“, über das ich auf manafonistas schrieb, beschreibt der Autor spirituelle Wirkungen einzelner Nahrungsmittel. Für mich als jemand, die die Literatur von Jürgen Ploog sehr schätzt, war die Castaneda-Lektüre aufschlussreich, denn natürlich greift Ploog die Castaneda-Gedankenwelt auf und bringt sie auf eigene Weise in seine Werke ein.

    Da Michael etwas von einer tantrischen Zeremonie andeutet, von der Steve Tibbetts heute Abend im Radio erzählen wird, glaube ich, dass das Castanedabuch durchaus sinnvoll platziert ist, so einen Tag vor dem großen Portrait. Was man als eine Form von Synchronizität erkennen kann 🙂

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