Zwei Bücher und der ganze Jazz


Radio On: Deutschlandfunk, 4. April um 21.05 Uhr. Kahil El Zabar. Fred Hersch. Ariel Kalma. Alice Coltrane. Shabaka. Noch mal Fred. Charles Lloyd. Irgendwann, während der Vorbereitung, kam mir die Verbindung in den Sinn, zwischen Charles Lloyds erstem „Song“ seines neuen Doppelalbums und einem Gedicht von Peter Rühmkorf aus dem Ausklang der „wilden Siebziger“. (Gerne hätte ich im Skript noch den Wunsch untergebracht, ECM möge die beiden Rühmkorf-Platten wieder veröffentlichen, aber da ahnte ich schon, diese Stunde würde an den Rändern überlaufen. Und so kam es: zu voll.) Mit dem gewieften Techniker Martin Hofmann fand ich die Schnittstellen, das alte Spiel „killing your sweetest darlings“ musste durchgezogen werden: ein Groove weniger für Alice Coltrane, ein O-Ton weniger von Fred Hersch, hier und da eine Straffung, ein kürzeres Stück von Ariel Kalma, aber am Ende wurde es ein gelungener Mix.

Just listen…

Wie des öfteren in den letzten Jahren (ich war einmal vor Ort, als Tigran Hamasyan, Eivind Aarset, Jan Bang, und Arve Henriksen „Atmosphères“ aufnahmen), spielte das Studio in Lugano eine Rolle, wo Manfred Eicher so gerne produziert. Auch diesmal: Fred Herschs „Silent, Listening“ entstand dort. In dem ersten O-Ton erinnert Fred an Sonny Rollins’ Version von „Softly, As In A Morning Sunrise“ aus dem Village Vanguard und den späten Fünfzigern (der Klassiker wird bald neu aufgelegt, in ehrwürdigem Mono). Und hier der andere O-Ton, der leider aus der Zeit fiel (in einer Sendung, in der vieles an Klang und Wort collagiert wurde, schien es angemessen, ab und an ein Stück vom ersten bis zum letzten Ton durchzuspielen):

Es war eine Freude, dass Karl Lippegaus und Michael Rüsenberg zwei sehr interessante Bücher zur Besprechung anboten, für die JazzFacts. In „Destination Unknown“ – der Titel basiert auf der Komposition von Sun Ra – geht es um die Frage nach der Zukunft des Jazz. Das zweite Buch, „Listenings“, von Jason Weiss, handelt oft humorvoll von unzähligen Konzertbesuchen, dem Wühlen in Plattenläden, von „deep listening“ und vielen andern Arteb des Hin- und Überhörens. Jason Weiss’ Schreibstil verdankt viel seiner Beschäftigung mit moderner Lyrik. „Listenings“ ist auch eine „fragmentierte“ Autobiographie, und die anregende Chronik eines „positiv Musikverrückten“. Von besonderen Radiomomenten wird da auch die Rede sein.

Vielleicht kommt bei manchem Hörer am Donnerstagabend der eine oder andere unvergessliche „Moment“ dazu, bei einer solchen Playlist: Kahil El Zabar. Fred Hersch. Ariel Kalma. Alice Coltrane. Shabaka. Noch mal Fred. Und Charles Loyd im Finale. Jedem dieser Musiker ist da, und das ist gut begründbar, eine ganz besonderes Album in einer ganz besonderen Phase ihres Lebens gelungen.


Wie bemert Kevin Le G. zu Shabakas Longplayer: „The result is some of the most meditative music Shabaka has made in his career to date, with the focused restraint, if not containment of the players leading to a very collective kind of creation whereby it feels as if all the sounds are sensually floating on a single sound cloud that has clear Afro-Asian or ‘nature music’ implications.“

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